Retrospektive Studie

W ramach retrospektive Studie untersucht Daten zu Ereignissen, die zum Zeitpunkt des Studienbeginns bereits stattgefunden haben. Forschende greifen also auf vorhandene Informationen zurück und werten diese nachträglich für eine bestimmte wissenschaftliche Fragestellung aus. Solche Daten können beispielsweise aus Krankenakten, Registern, Abrechnungsdatenbanken oder bereits dokumentierten Untersuchungsergebnissen stammen.

Im Unterschied zu einer prospektiven Untersuchung werden die Teilnehmenden nicht erst ab einem festgelegten Zeitpunkt in die Zukunft beobachtet. Stattdessen betrachtet die Forschungsgruppe einen bereits vergangenen Zeitraum. Retrospektive Untersuchungen sind deshalb besonders geeignet, wenn vorhandene medizinische Daten genutzt werden sollen, um Zusammenhänge, Krankheitsverläufe oder Behandlungsergebnisse zu untersuchen.

Wie läuft eine retrospektive Studie ab?

Zu Beginn steht eine konkrete Forschungsfrage. Anschließend wird festgelegt, welche bereits vorhandenen Daten benötigt werden und welche Personen in die Untersuchung einbezogen werden können. Die Forschenden definieren dazu beispielsweise einen bestimmten Zeitraum, eine Erkrankung oder bestimmte Merkmale der Patientengruppe.

Danach werden passende Datensätze ausgewählt und ausgewertet. Bei einer Untersuchung könnte zum Beispiel geprüft werden, welche Behandlungen Patientinnen und Patienten mit einer bestimmten Erkrankung in den vergangenen fünf Jahren erhalten haben und wie sich ihr Gesundheitszustand entwickelt hat.

Retrospektive Studien gehören häufig zum Bereich der epidemiologischen Studien. Sie können dabei sehr unterschiedlich aufgebaut sein. „Retrospektiv“ beschreibt in erster Linie den zeitlichen Blick der Untersuchung und nicht automatisch ein bestimmtes Studiendesign.

Welche Daten werden verwendet?

Eine wichtige Grundlage retrospektiver Forschung sind Daten, die ursprünglich häufig für einen anderen Zweck erhoben wurden. Dazu zählen etwa elektronische Patientenakten, Krankheitsregister, Laborergebnisse oder Daten aus der medizinischen Versorgung.

Solche Informationen können auch als Real-World Data (RWD) genutzt werden. Sie stammen aus der tatsächlichen Versorgung von Patientinnen und Patienten und ermöglichen dadurch Untersuchungen unter Alltagsbedingungen.

Welche Daten verwendet werden können, hängt von der Forschungsfrage und ihrer Qualität ab. Nicht jede Patientenakte enthält beispielsweise dieselben Informationen. Außerdem können Werte fehlen oder zu unterschiedlichen Zeitpunkten erhoben worden sein. Bereits bei der Planung muss deshalb geprüft werden, ob die vorhandenen Daten geeignet sind, die gewünschte Frage zuverlässig zu beantworten.

Die Begriffe werden teilweise miteinander verwechselt: Eine Fall-Kontroll-Studie kann retrospektiv durchgeführt werden, ist aber ein eigenes Studiendesign. Dabei werden Personen mit einem bestimmten Ergebnis oder einer Erkrankung mit einer geeigneten Vergleichsgruppe gegenübergestellt und frühere mögliche Einflussfaktoren untersucht.

Eine retrospektive Studie kann dagegen auch anders aufgebaut sein. Forschende können beispielsweise eine bereits bestehende Patientengruppe anhand früherer Akten über mehrere Jahre nachvollziehen. Entscheidend für die Bezeichnung „retrospektiv“ ist, dass die relevanten Ereignisse bereits vor Beginn der Untersuchung eingetreten und dokumentiert wurden.

Welche Vorteile haben retrospektive Studien?

Da die benötigten Informationen bereits vorhanden sind, lassen sich retrospektive Studien häufig schneller durchführen als Untersuchungen, bei denen neue Daten erst über Monate oder Jahre gesammelt werden müssen. Auch große Patientengruppen oder lange Zeiträume können auf diese Weise analysiert werden.

Das ist besonders hilfreich bei seltenen Erkrankungen oder Ereignissen. Forschende können auf umfangreiche Datenbestände zurückgreifen und gezielt nach geeigneten Fällen suchen, anstatt zunächst viele Personen über einen langen Zeitraum beobachten zu müssen.

Wo liegen die Grenzen?

Der größte Unterschied zu einer neu geplanten Datenerhebung besteht darin, dass Forschende die ursprüngliche Erfassung der Informationen nicht mehr beeinflussen können. Wichtige Angaben können fehlen, unterschiedlich dokumentiert worden sein oder gar nicht erhoben worden sein.

Außerdem lassen sich beobachtete Zusammenhänge nicht automatisch als Ursache und Wirkung interpretieren. Retrospektive Studien können wichtige Hinweise und neue Forschungsfragen liefern. Wie belastbar ihre Ergebnisse sind, hängt jedoch stark vom Studiendesign, der Auswahl der untersuchten Personen und der Qualität der vorhandenen Daten ab.

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